Otl Aicher - Lebenslauf


1922 geboren in Ulm
1941 Entziehung des Abiturs aufgrund seiner Weigerung der Hitlerjugend beizutreten
1941-45 Soldat in Russland und Frankreich
1946-47 Kunststudium in München, Gründung der Ulmer VHS
1948-55 Gestaltung der Plakate für die Ulmer VHS im eigenen Atelier, Planung der Hochschule für Gestaltung (HfG) mit Inge Scholl, Hans Werner Richter und Max Bill
1952 Heirat mit Inge Scholl
1953 Gründung der Hochschule für Gestaltung, Geburt der Tochter Eva
1953-68 Dozent und zeitweise Rektor der HfG in Ulm
1954 Geburt der Zwillinge Pia und Florian
1958 Geburt des Sohnes Julian
1959 Geburt des Sohnes Manuel
1962-64 Rektor der HfG, Gastdozent an der Yale University und in Rio de Janeiro
1967-72 Gestaltungsbeauftragter der Olympischen Spiele in München 1972
1967-68 Gestaltung des Erscheinungsbildes der Ostermärsche
1968 Schließung der HfG
1972 Umzug nach Rotis
1975 Tödlicher Unfall von der Tochter Pia
1984 Gründung des "Rotis Institut für analoge Studien"
1988 Entwicklung der Schriftenfamilie "rotis"
1991 Otl Aicher stirbt an den Folgen eine Unfalls



Heirat mit Inge Scholl

Inge Scholl wurde in Ingersheim geboren. Sie ist die Mutter der fünf Kinder Eva, Florian, Pia, Julian und Manuel. 1946 ist sie die Mitbegründerin der Ulmer VHS und veröffentlichte dann 1952 das Buch "die weiße Rose". Es handelt von der gleichnamigen Widerstandsgruppe, der ihre Geschwister Hans und Sophie angehörten. Beide wurden 1944 zum Tode verurteilt und hingerichtet.



Gründung der Hochschule für Gestaltung in Ulm

Otl Aicher gründete zusammen mit Inge Scholl, Hans Werner Richter und Max Bill die Hochschule für Gestaltung. Den Vorschlag diese Schule "Bauhaus Ulm" zu nennen lehnten sie ab, denn nach dem Krieg wollten sie keine tolle "Verpackung" für die Schule. Ihr Traum war es etwas absolut Neues zu schaffen. Sie befaßten sich mit Kunst, Ästhetik und dem Schönen. "Ist die Kunst eine Flucht vor der Realität?" fragten sie sich. Die Kunst sollte nicht mehr in einer Fantasiewelt stattfinden und alltägliche Dinge sollten in sie einfließen. "Wir interessieren uns für die Gestaltung des täglichen Lebens und der menschlichen Umwelt, für die Produkte der Industrie, das Verhalten der Gesellschaft." Kultur und somit die Kunst sollte das ganze Leben beinhalten. "Wir entdecken das Bauhaus, den Konstruktivismus, die Stijl-Bewegung und konnten, was wir suchten, nachlesen bei Malewitsch, Tatlin, Moholy-Nagy." Die Beschäftigung mit geometrischen Figuren, sahen sie als sinnvolle ästhetische Experimente an. Otl Aicher sagte: "Ich schuf für die Straße, wie andere für das Museum." 1968 wurde die Hochschule für Gestaltung geschlossen. Otl Aichers Meinung dazu war: "Aufmachung ist immer noch alles. Schade, dass es kein Ulm mehr gibt."



Plakatserie der Volkshochschule Ulm

Nach dem Kriegsende organisierte Otl Aicher eine Vortragsreihe, die er mit Plakaten ankündigte. Für die VHS entwickelte er ein Plakatsystem auf hochformatigen Stelen, die in der Stadt aufgestellt wurden.



Olympische Spiele 1972 in München

1967 wurde Otl Aicher offiziell zum Gestaltungsbeauftragten der Olympischen Spiele in München ernannt. Er entwickelte das ganze Erscheinungsbild dieser Spiele. Die besondere Aufgabe für Otl Aicher war es der Welt ein neues Bild von Deutschland zu zeigen. Somit beauftragte ihn Willi Daume (Präsident des NOK), der Welt einen Korrektur des Bildes von dem Nazi-Deutschland zu liefern. Die Münchner Spiele sollten musisch und unpolitisch sein. Otl Aicher entwickelte ein Gesamtkonzept in seinem schnörkellosen, geradlinigen, radikalen und prägnanten Stil, der sehr bekannt wurde. Er stellte deutschland in den Hintergrund und vermied die Farben Schwarz, Rot und Gold. Als Alternative erfand er die Regenbogenspiele, eine Farbpallette, die einen heiteren und ungelösten Charakter kreierten, so wie die Spiele auf die Welt wirken sollten. Das gesamte Erscheinungsbild war einheitlich, in dem er sogar die Polizei und das Militär in das gestalterische System integrierte. Innerhalb seines Gestaltungskonzeptes entwickelte er auch die international verständlichen Piktogramme, die die verschiedenen Sportarten darstellten. Diese Entwicklung erregte großes Aufsehen. Die konsequente Einheitlichkeit war ein sehr wichtiges Merkmal der Olympischen Spiele in München. Alle farbigen und formalen Elemente des Erscheinungsbildes wurden nach strengen Gestaltungsgesetzen entwickelt.



Ostermärsche

Die Teilnahme an dem wirtschaftlichen Aufbau der BRD hinderte Otl Aicher nicht daran, sich immer wieder politisch zu engagieren. Für die Ulmer Ostermärsche 1967 und 1968 entwickelte er ein professionelles Erscheinungsbild. Anstatt handgemalter Transparente wurden Schriftplakate in einheitlicher Gestaltung benutzt. Das Symbol der Friedensbewegung erschien als exakt konstruiertes Zeichen auf Plakattafeln und weißen Fahnen. Mit dem sachlichen und nicht von linken Symbolen belasteten Stil erhoffte man sich Unterstützung in bürgerlichen Kreisen. Außerdem konzipierte Otl Aicher auch zahlreiche Plakate gegen die Stationierung von Atomraketen in Neu-Ulm.



Rotis - intelligentes Bauen

Otl Aicher zog 1972 nach Rotis, wo er zwei Gebäude selbst entwarf und bauen lies. In seinem Buch "Die Welt als Entwurf" verfasste er ein Kapitel über die Architektur. Die moderne Architektur wollte "Licht, Luft und Sonne in die Wohnungen bringen". Otl Aicher war fasziniert von Häusern mit großen Glasfronten. Aber diese neue Ideologie der Architektur hatte auch einen Fehler, wie stickige, überhitzte Luft und grelles Licht. Die Anfänge der modernen Architektur basieren auf der asiatischen Architektur. Die Häuser haben keine Trennung nach außen. "Innenwelt und Außenwelt sind eins. Es sind drei Parameter zu erfüllen. Einmal muss dieses Gebilde flexibel genug sein, sowohl Sonnenlicht in den Raum einfallen zu lassen, als auch vor direkter Sonneneinstrahlung zu schützen. Dann muss man einen Sichtschutz haben, manchmal möchte man nicht eingesehen werden, manchmal möchte man das volle Außenpanorama. Die Tätigkeiten des Menschen setzen unterschiedliche Intimitätsstufen voraus. Dies bedeutet, dass das Licht, selbst wenn es regnet, steuerbar sein soll. Der dritte Parameter ist die Belüftung. Grundsätzlich ist ein Raum ohne zu öffnende Fenster ein physiologischer Käfig. Die Luft aus der Klimaanlage ist eine aus Konservendosen. Es sollten so viele Fenster zu öffnen sein, als möglich. Dies gilt auch für Wohnungen in Hochhäusern. Was im traditionellen japanischen Haus gemacht wurde, wird die Technik nicht leisten können, nämlich vollkommene Flexibilität, was Sonnenschutz, Sichtschutz, Lichtschutz und Belüftung angeht. Indem die Architektur mit Problemen dieser Art beschäftigt, kann man von einer intelligenten Architektur sprechen. Dies als eine Gegenposition zur sogenannten modernen Architektur. Die Moderne war ideologisch aber nicht intelligent." Otl Aicher war Vertreter der intelligenten Architektur bzw. des Funktionalismus.



Schriftenfamilie "rotis"

Otl Aicher entwickelte 1988 eine neue Schriftenfamilie "rotis". Wozu eigentlich eine neue Schriftentype? Otl Aicher: "Zum einen wäre Schriftaskese eine Beschränkung der Vielfalt, auf der anderen Seite kann man Schriften auch unter den Gesichtspunkten ihres Gebrauchs, der Optimierung der Lesequalität, der fomalen Qualität und der ästhetischen Qualität betrachten. Die heutigen Schriften sind, laut Otl Aicher, bei der Entwicklung im Zusammenhang mit der Entstehung der großen Zeitungen entstanden. Man versuchte Schriften zu entwickeln, bei denen man viel Text auf eine möglichst kleine Fläche unterzubringen, ohne dass die Lesbarkeit darunter leidet. Nicht das schöne Buch, sondern die Alltagszeitung, nicht die schöne Schreibschrift, sondern die Alltagsschrift sind die Strapazierfelder des Lesens und Schreibens. Otl Aicher stellt sich der Frage: Gibt es eine Schrift, die man leichter und schneller lesen kann als die bestehenden? Wie erhöht man die Erkennbarkeit, die Lesbarkeit, die Lesegeschwindigkeit.



© 2003 HMG




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Olympiade München 1972